Die dörfliche Sehnsucht nach der Hauptstadt

Eine Bestandsaufnahme

In dem von uns analysierten Provinz-Blog-Raumes hat sich in den letzten Wochen eine besondere Tendenz gezeigt: Man schrieb Reiseberichte aus der Stadt Berlin. Insgesamt ist in diesen Beiträgen zu erkennen, dass sich aus der Unzufriedenheit heraus eine Sehnsucht nach der deutschen Hauptstadt Berlin artikuliert.

Der Blog der sich am meisten über seine ach so aufregenden Erlebnisse in der Hauptstadt auslies, ist zweifelsohne als strangeboy zu benennen. Die bei ihm zu verzeichnende Sehnsucht nach dem großen Unbekannten lässt sich als eine Sehnsucht charakterisieren, die Ideale, die strangeboy ansosten vorgibt zu vertreten, verpuffen lässt. Er schreibt: „[Es] gelüstete […] mir nach Großstadt, Einkaufsrausch, Wundern des Kapitalismus und ein wenig guter Musik.“ So könnte man zwar vermuten, dass die Beschreibung dieser Lust einer gewissen Ironie entspricht. Diese Vermutung erweist sich aber nicht als richtig, wenn man weiter liest. So gibt er in dem Text offen zu, sich über den Anblick des Fernsehturms als nationales Symbol gefreut zu haben. Innerer Widerwille, der hier mit einem Schamgefühl beschrieben wird, hin oder her, von echtem und auch emotional überzeugtem Anti-Deutschtum, dem sich strangeboy sonst verpflichtet sieht, kann wohl hier nicht mehr die Rede sein.
Ein weiteres Merkmal der dörflichen Sehnsucht nach der Stadt drückt sich in strangeboys weiteren Berichten aus: Er beschreibt den ungehemmten Konsum von teuren Genussmitteln.

Dieses Merkmal ist aber ausgeprägter auf dem Blog andersleben zu finden. Er schreibt: „Morgen früh gehts 7:30 Uhr los, ich fahre in die Big City und zugleich meine Lieblingsstadt. Doch wer jetzt denkt andersleben macht dick einen drauf, verballert sein ganzes Geld in Cocktail Bars oder tanzt bis frühs in einer schebigen Disco und springt gut gelaunt durch die Stadt, der irrt sich. Mein Terminplan ist randvoll und ich bin wahrscheinlich froh wenn ich Nachts in meinem Hotelzimmer bin.“ (hier)Andersleben geht also davon aus, dass das Leben in Berlin normalerweise von Geldverballern, Discotanzen und Cocktailtrinken geprägt ist. Vermutlich handelt es sich um jene Tätigkeiten, die ihm in der Provinz fehelen und sie somit auf die Hauptstadt projeziert. Dieses Verhalten könnte man als Ideologie bezeichnen, die wir strukturellen Projektionskonsumismus bezeichnen.

Eine entgegengesetzte Tendenz können wir bei provinztristesse verzeichnen, die ihre Erwartungen nicht in der Hauptstadt erfüllt sieht. Sie schreibt: „Immernoch Berlin, immernoch diese widerliche Touri-Metropole, mit all ihren, auf mich schamlos einprasselten, sinnlosigkeiten…“ (hier) Wir können jedoch davon ausgehen, dass auch sie eine strukuturelle Projektionskonsumistin ist, was sich nicht nur in ihrem Blog-Namen wiederspiegelt. So könnten wir ihr die Frage stellen, warum sie sich dann in ihrer Freizeit in Berlin aufhält. Wir vermuten, dass provinztristesse ihren strukturellen Projektionskonsumismus innerlich zu unterdrücken versucht, was jedoch keineswegs einer Therapierung gleichkommt.

Wir werden die Ideologie des strukturellen Projektionskonsumismus weiter im Auge behalten und über projektionskonsumistische Vorfälle auf Provinz-Blogs berichten.


8 Antworten auf „Die dörfliche Sehnsucht nach der Hauptstadt“


  1. 1 tristesse 21. August 2007 um 18:07 Uhr

    Nun ja, hervoragend analysiert. Prima. Allerdings, nur um mich rechzufertigen, befande ich mich nicht zu meinen persönlichen vergnügen, oder als „freizeitfüller“ in dieser Hauptstadt, sondern aus rein organisatorischen Gründen. Dennoch liegst du nicht ganz falsch mit deinen Thesen, weshalb, tja, mein Geheimnis… .
    So, mal ganz nebenbei – Du hast dich in deinem META verschrieben!!! _BÄH_

  2. 2 tristesse strange 22. August 2007 um 14:00 Uhr

    Geschickt verbessert, den Fehler!!!

  3. 3 strangé 22. August 2007 um 14:11 Uhr

    so jetzt mal aufgepasst ihr studentenköppe!!
    erstens hab ich euch genau durchschaut, wer ihr seid, und was ihr vorhabt… geht ihr zu weit, werde ich euch auffliegen lassen, also vorsicht, kollegen!

    ihr analysiert in einem ton, welchem sich natürlich nur irgendwelche studentennasen erlauben können, über den von euch selbst erfundenen „Projektionskonsumismus“, und werft mir selbst vor, ich wäre von ihm befallen. anstatt, das ihr aufzeigt, was die wunder des kapitalismus aus einem aufrichtigen antideutschen machen können, und diese kritik auf ihn zurückführt, meckert ihr nur doof rum und behauptet weiter, wir würden eine therapie nötig haben… ihr denunziert nur, hier ist weder eine spur von analyse oder kritik!! ;)

    aber trotzdem respekt, soviel kindlche fantasie in einem solchenn hochschuljargon habe ich noch nie gelesen…

    greetings

  4. 4 anders 23. August 2007 um 7:33 Uhr

    ach nimms doch mit humor, ist doch lustig. ausserdem komme ich nich aus keiner provinz :D

    da brauch ich gar nicht mehr meinen fernsher anmachen, wenn ich hier meine talk show niveau finden kann…

  5. 5 Administrator 25. August 2007 um 14:36 Uhr

    Lieber andersleben!
    Vielen Dank für deine Antwort auf strangeboys Kommentar, wir gehen wie gesagt nur auf ernsthafte Kommentare ein. Entschuldige bitte, das dein kommentar erst jetzt auftaucht, unser Spam Karma ist sehr undruchlässig, wir werden das demnächst mal ändern müssen.
    Wir hoffen, in Bezug auf „talk show niveau“ meinst du strangeboys Kommentar, falls du unsere Artikle meinst, bitte festige deine Anklage, und wiederlege unsere Annahmen, das dürfte ja nicht schwer sein, würden wir uns auf dem von dir beschriebenen Niveau befinden…
    Wir denken eben schon, dass du aus einer provinz kommst, die beiweise dafür häufen sich auf deinem blog…
    Die Provinnz-Blog-Crew.
    PS: Gib einfach mal in deinem suchfeld auf deinem Blog „Provinz“ ein.

  6. 6 anders 26. August 2007 um 14:42 Uhr

    ach mensch, ihr bringt mich echt zum schmunzeln und versüßt mir meinen nachmittag! mal ehrlich, ich finds gut und kann auch ab und an über mich selbst lachen. ich behalte es selbstverständlich für mich…was ich damit meine ist ja klar

    PS: ihr habt aftershow vergessen :-)

  7. 7 kojack 27. August 2007 um 19:21 Uhr

    ich finde diese Analyse echt mal gut. Da ich leider des öfteren mit Big Town zu tun habe, weiss ich wie die Leute ticken. Es ist echt lustig zu sehen, wie viele sich von Berlin oder anderen Großstädten eine Traumstadt ausmalen in der alle ihre Träume und Sehnsüchte, die ihn die angeblich beschissene Provinz bittet, wahr werden.
    All-time-Favourites und fette Beats für alle!

  8. 8 krass 24. Juli 2008 um 18:56 Uhr

    @kojack und alle hier:
    ne, is klar, du hast des öfteren mal mit „big town“ zu tun und weißt „wie die leute da ticken“, alle gleich, is eh klar, sowie alle die in kleineren orten leben die gleichen träume und sehnsüchte haben…
    bin ich froh, dass ich diesen blog entdeckte, jetz weiß ich endlich wie die welt tickt… juhuu! (achtung ironie!)

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